• Daniel Fasnacht

Mit Corona wird der Kunde wieder König

Dr. Daniel Fasnacht

Finanz und Wirtschaft, 8. März 2021

Frugale Innovationen sind einfache, kostenoptimierte und auf die aktuelle Situation des Kunden zugeschnittene Lösungen: Genau das, was der Markt verlangt.

«Unternehmen mussten von heute auf morgen einfachere, benutzerfreundlichere und situationsgerechtere Lösungen anbieten.»

Seit den 1980er Jahren beschert uns der Shareholder-Value-Kapitalismus und die damit eingehende bedingungslose Gewinnmaximierung hohe Börsenkurse. Immer mehr, immer besser; seit Jahrzehnten leben wir im Überfluss an Luxus-Produkten und Premium-Services. Der World Happiness Index, in dem die Schweiz aktuell den dritten Platz belegt, bestätigt unser Glück. Wohlstand und Glück sind durch eine Vielzahl von Faktoren bestimmt, die in einem global vernetzten System voneinander abhängen. Ein Ereignis in einem Land kann zu einer Kaskade an Ausfällen und einem katastrophalen Zusammenbruch führen. Covid-19 hat neben gesundheitlichen und wirtschaftlichen Problemen Angst und Unsicherheit ausgelöst. Egal welchen Kurs der Bundesrat verfolgt, die Pandemie wird langfristig grosse Folgen für unsere Volkswirtschaft haben und zu einem sozioökonomischen Wandel führen.

Auf der Suche nach Sinnhaftigkeit und Tiefgang schreiben wir gerade Geschichte. Wie noch nie dagewesen, erleben wir einen flächendeckenden Nachhaltigkeitstrend, indem wir die Natur und Umwelt bewusster wahrnehmen und uns vermehrt auf das Wesentliche beschränken. Die Sharing Economy, der Minimalismus oder der Hang zu einem einfacheren Leben unterstützen den Verzicht auf materielle Güter und den Rückzug aus der konsumorientierten Gesellschaft. Luxus ohne Sinn und Werte ist irrelevant geworden. Dieser Wertewandel führt zu einer verantwortungsvolleren Auseinandersetzung damit, wie wir Bürger mit der aktuellen Situation umgehen. Dies wird auch einen Einfluss auf die Zeit nach Corona haben. Wie aber können wir unsere Erfahrungen nutzen?

Wir haben erlebt, dass die Nachfrage nach gewohnten Produkten und Dienstleistungen plötzlich einbrach und sich unsere Prioritäten und Bedürfnisse rapide änderten. Unternehmen mussten von heute auf morgen einfachere, benutzerfreundlichere und situationsgerechtere Lösungen anbieten. Frugale Innovationen beschränken sich genau darauf: passgenau in einer bestimmten Situation Bedürfnisse befriedigen. Nicht mehr und nicht weniger. Der Ansatz stammt aus Indien, wo «jugaad» in Hindi Not- oder Übergangslösung bedeutet. Wenn der Markt keine kostspieligen Produkte zulässt, müssen eben Forschungs-, Entwicklungs- und Produktionsprozesse entschlackt und alles Überflüssige am Produkt eliminiert werden. Der Kunde wird frühzeitig in den Innovationsprozess involviert, sodass er die Möglichkeit hat, die Kernfunktionalität mitzubestimmen. Die Innovation löst also genau ein Problem und schafft keine Bedürfnisse. Die Aussage des Ökonomen Peter Drucker aus dem Jahre 1954, «it is the business that creates the customer», ist nicht mehr zeitgemäss. Neue Bedürfnisse bei Konsumenten werden heute aufgrund eines Trends oder plötzlichen Ereignisses geweckt.

Entscheidend ist die Fähigkeit, Marktchancen, die sich aus veränderten Kundensituationen ergeben, rasch zu identifizieren und darauf zielgerichtet zu reagieren. Ein Paradebeispiel frugaler Innovationen war der globale Aufruf, den Notstand an Beatmungsgeräten mit improvisierten Maschinen auszugleichen. Etliche universitäre Forschungslabore, Formel-1 Teams, Tabakhersteller, Tesla , Dyson und sogar ein Kaffeemaschinenhersteller aus der Schweiz schafften es innerhalb kürzester Zeit, basierend auf offengelegten Bauplänen, einfache und billige Prototypen herzustellen. Diese am Gemeinwohl orientierte Wertschöpfung kann für das eine oder andere Unternehmen eine Chance sein, sich neu zu positionieren. Für die Volkswirtschaft wäre dies «die fortgeschrittene Art von Kapitalismus», wie es Klaus Schwab, Gründer des Weltwirtschaftsforums WEF postulierte.

Im Pandemiejahr rückten Besitz und Status in den Hintergrund, zugunsten von bewusster Sparsamkeit und pragmatischer Anwendungen. Als Verbraucher bin ich wieder König. Denn wir Konsumenten bestimmen, was in welcher Form und Qualität angeboten wird. So kann jeder seinen Teil leisten und Unternehmen auf die situationsgerechte Bedürfnisbefriedigung aufmerksam machen und die Konsumentensouveränität als liberales Leitbild unterstützen. Nutzen wir die durch Corona bedingte Entschleunigung und Aufmerksamkeitsverschiebung für die gemeinsame Gestaltung unserer Zukunft. Wirtschaftsführer werden es uns danken, denn sie sind dadurch gezwungen, sich zu öffnen und von anderen zu lernen. Sie werden vernetzter, innovativer und verantwortungsbewusster und stärken so den Werkplatz Schweiz.

Corona verändert unseren Lebensstil und unser Kaufverhalten nachhaltig. Mehr erreichen mit weniger Ressourcen scheint ein gutes Rezept und trifft den Zeitgeist. Als kleine unabhängige und verwundbare Volkswirtschaft haben uns Bescheidenheit, Fokus und Anpassungsfähigkeit immer geholfen. Dank unserer Resilienz können wir grosse Herausforderungen meistern. Lernen wir zusätzlich von Asien Kundenfokus, Genügsamkeit und das bewusste Verzichten, so bleiben wir glückliche Innovationführer.

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